Wurst, Brot, Bier und ein geräuchertes Hühnchen

von Steffen Kundt.

Wer Russland einmal besucht hat, muss es lieben oder hassen, auf keinen Fall wird es ihn gleichgültig lassen. Da ich einen Hang zum Extremen verspüre, habe ich mich auf der Stelle verknallt, denn in Russland scheint das Extreme seine Heimstatt zu haben. Wer sich davon überzeugen möchte, dem rate ich zu einer Fahrt mit der "Transsib", möglichst in einem Abteil mit Russen.

Auf der Reise nach Irkutsk, zum Wintercamp 1999/2000, habe ich dieses außerordentliche Vergnügen. Der Wagen ist bemerkenswert gepflegt und gut geheizt. Geraucht werden darf nur in dem ungeheizten Übergang zum nächsten Wagen. Ich lerne Pawel Grigorjewitsch Tschumatschenko, einen Bergarbeiter aus Jakutien, und einen reisenden Vertreter für Permafrostboden-Bohrgeräte kennen. Die beiden steigen in Nowosibirsk zu, merken ziemlich schnell, dass ich Deutscher bin und überfallen mich mit Wurst, Brot, Wodka, Bier und einem geräucherten Hühnchen. Mit jedem Bier und jedem Wodka wird mein Russisch besser und so entspinnt sich ein ergiebiges Gespräch über das Leben in Russland, insbesondere in Jakutien, wo es laut Pawel den schönsten Herbst auf der ganzen Welt, sagenhafte Pilze in noch sagenhafteren Wäldern gibt und wo es im Winter garstig kalt sein muss. Wenn die beiden auf einem Bahnhof neue Getränke besorgen, dann tun sie das im T-Shirt...hier sei es nicht richtig kalt. Sie schämen sich offenbar der Armut in ihrem Land, ich erkläre ihnen, dass zwar hier viele Bäuche leer sein mögen, in Deutschland seien es dagegen nur allzu viele Köpfe und Herzen. Wir sind uns einig: der Weltkrieg, Tschetschenien, Kosovo u.s.w., alles von üblen, gierigen Subjekten wie Politikern und dergleichen verzapft. Unterdessen rollt der Zug durchs unendliche, verschneite Sibirien, immer weiter nach Osten. Zwischen den seltenen Bahnhöfen - Wälder bis zum Horizont. Die Umweltschweinereien, die hier fraglos passieren und passiert sind, relativieren sich angesichts dieser Unendlichkeit - Zeit, uns an die eigene Nase zu fassen und darüber nachzudenken, was wir mit unserer Verschwendung alles zerstören ...

Den Jahreswechsel wollen wir in Angasolka, einem Dörfchen am Ufer des Baikal, feiern. Dort angekommen wird mir klar, warum der Baikal das sibirische Meer genannt wird. Er reicht bis zum Horizont, den ganzen Tag dampft er in den ewig blauen Himmel, er ist magisch, uralt und wissend, manche würden ihn einen Kraftplatz nennen, er ist eine Gottheit, die über das Wetter, das Wohl und Wehe riesiger Ländereien gebietet und die man besser nicht erzürnen sollte.

Wir sind dreißig oder vierzig Leute und in einem Holzhaus untergebracht, auf dessen Fußboden der Schnee nicht von den Filzstiefeln schmilzt und wo in den oberen Etagen der Doppelstockbetten beinahe tropische Temperaturen herrschen. "Der Heizer" meint es gut mit uns. Die meisten Mitglieder von Arabika sind junge Leute, kaum älter als zwanzig, die wenigsten rauchen, keiner betrinkt sich vor der Silvesternacht. Hier merkt man Saschas harte Hand, die auch immer wieder vonnöten ist, um den wilden Haufen mit ein paar kurzen Befehlen zu ordnen.

Das neue Jahr begrüßen wir am Ufer des Baikal, der Sekt gefriert in Flaschen und Bechern, es wird umarmt, gewünscht und getrunken, die wenigen Lichter bleiben an und die viel beschworene Katastrophe aus.

Den Kopf prall gefüllt mit allerlei Bildern und Erlebnissen, die zu beschreiben und zu erzählen ein abendfüllendes Programm darstellt, naht der Abschied vom Baikal, von Irkutsk, von Russland. Ich bin wild entschlossen, hierher zurückzukommen.

Als es dann wieder dunkel ist, sind wir bereits zurück in Deutschland und nun weiß auch ich, was das Wort "Kulturschock" bedeutet. Wie leicht und bequem hier alles geht, alles geordnet und aufgeräumt, wie klein sind unsere Sorgen im Vergleich zu den Sorgen derer, die einen harten, langen Winter im fernen Sibirien zu überstehen haben. Mein Zug ist brechend voll, was viele Leute veranlasst zu schimpfen. Ich habe mich auf dem Boden niedergelassen, er ist weich und sauber, der Zug ist geheizt und fährt sogar. Was wollen die Leute eigentlich noch?

Im Gang ist ein Werbeplakat des FOCUS angebracht: "Genießen Sie die Fakten in vollen Zügen"...

 

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Artikel geändert:
19 Feb 2006

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